Viel später ist wieder Struktur im Gewohnten hergestellt. Abendluft haucht durch den Flur, zupft an Pflanzen und lässt die Kerzenflammen zittern. Am anderen Ende des Tages schlafen die Fassaden bereits wieder, nur ein leiser Bass von hinter dem Parkplatz lässt die Gegenwart der Nachtwesen erahnen. Man sucht nicht, man findet auch nicht, nur das Jetzt ist genug unter dem unabschätzbaren Himmel und den schemenhaften Wolken. (Wünsche vor dem Traum. Traumwünsche vor dem Morgen.)

Der Nachmittag kam und ging. In ihm war weites glattes Blau in endloser Höhe jenseits der Wolkenlinie, das Weißgrau federleichter Gebirge, das neue triste Grau eines Februarnovembers. In ihm war das Prellen eines Basketballs, widerhallend in den Wänden des Hofes, ein klein wenig außer Takt mit den Bässen der Musik von nebenan, was abwechselnd eine ruhige Harmonie und nervösen Stress verströmte. In ihm waren Sturmböen in Bäumen und Büschen und eine Ahnung von Donnergrollen und das vereinzelte Trommeln großer Regentropfen auf Bleche und Schindeln, laut und hart und trotzdem nur eine kurze Episode. Nun kommt die Nachbarschaft wieder zur Ruhe. Der Abend duftet und schmeckt weich und feucht, hat viel der trüben Härte verloren, und das rostrote Kunstlicht zieht immer seine ganz eigene Farbe ins Antlitz des alten Viertels. (Sich selbst bremsen. Sich selbst dabei beobachten. Und versuchen, mit zögernderen Schritten andere Bilder zu sehen.)

(Wieder zu spät. In der Wohnung gegenüber ist der Bildschirm soeben erloschen. Unten klappern Schlüssel an der Haustür, die kurz darauf in ihren Angeln quietscht und schließlich dröhnend, hallend ins Schloss fällt. Hier, ferner: Nebenwirkungen des Digitalen. Das merkwürdige Gefühl, diesselbe Notiz in verschiedenen Fenstern geöffnet zu haben, in jedem ein anderer Stand, eine vergessene alte Version, die ihre Zeit überdauert hat. Zudem gilt es herauszufinden woher die Musik kommt, die Quelle für jetzt stummschalten. Und nachdenken, ob man sich erneut viel zu weit in die Nacht vorgewagt hat, noch schlaflos, müde und ohne genügend verbliebenes Licht?)

Abendsterne. Immer zeitlich begrenzte Phänomene, die die Wahrnehmung kapern, kurzes gebanntes Staunen erzeugen, die Gedanken für atemlose Momente durch weite Leere führen - und dann zu beliebigen Lichtpunkten im Halbdunkel der Großstadtnacht werden. Mild blieb der Tag, trotz des Windes. Gegenüber raucht man auf dem Balkon, verrät sich durch glimmende Stummel und gelegentliche Wortfetzen. Einige Zimmer weiter malt ein Projektor schrille Sequenzen auf die Wände; Verlauf, Farbe, Schnitt lassen selbst in vorsichtigem Abstand ein unangenehmes, unruhiges Gefühl aufkommen. (Noch kein Traum. Dafür braucht es besser andere Bilder.)

(9pm and a bit more. Home office is just another room for now. Window open wide, a sickle of moon in a halo of thin clouds, and a great Orion on a velvet dark nightsky, guarded by the more small stars the longer the eye is willing to gaze at. No words, very few thoughts. Trembling in the cold air, lost in stunned childish amazement.)

Deutlich später: Rückkehr. Angeheitert, beschwingt, balancierend auf dem schmalen Beton, der dunkle Wiesen von Steinplatten trennt. Sterne im Stadtdunkel hoch oben, das Starren in die kosmische Leere und die gleichzeitige, nur mäßig koordinierte Bewegung erzeugen kurze Schwindelgefühle. Verlassene Wege, finstere Wohnblöcke, zwischen den Vierteln findet man sich allein mit gelegentlichen Straßenbahnen, vereinzelten Reisenden, die über leerem Asphalt rasen. (Irgendwann spürt man die eigenen Schlüssel vor der eigenen Tür klappern. Zumindest fühlt sich dieses Ende des Tages milder an; auf den Terrassen und Balkonen wird vielstimmig diskutiert, gelacht, hier und da geseufzt. Jemand singt Kinder in den Schlaf. Gläser klirren, in der Kneipe werden noch Bestellungen aufgegeben. Immer kurz vor dem Punkt, an dem die Grenze der Müdigkeit überschritten wird hin zur Ruhelosigkeit. An irgendeinem Wochenendabend im März.)