(Supermarkt des geringsten Misstrauens. Streik der Selbstzahlerkassen geht in die nächste Woche, mittlerweile wurden die Bildschirme abgeschaltet und die Kabel für Netzwerk und Stromversorgung achtlos zusammengerollt auf die Packflächen gelegt. Der Herr hinter der Kasse übt indes Solidarität, indem er plötzlich und unvermittelt in der Tiefe des Marktes verschwindet und unerfreulich lang verschwunden bleibt. Warten, nervös. Nebenan altes Bier in neuen Dosen, die andere Gestaltung wirkt wenig origineller und wird sicher nichts an der Qualität des Inhaltes verbessern. Pläne, Schokolade in Griffnähe aufzuessen. Ein Blinzeln in die Kamera, dann wird die Idee verworfen. Irgendwann dann doch Schritte über den Parkplatz, durch den Wind, das Knistern trockenen alten Herbstes. Man wartet immer so lang, bis die Eile kaum noch beherrschbar ist.)

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Nochmal Supermarkt des geringsten Misstrauens. Heimische Frühlingsblumen neben weit gereisten Avocados. Fahrstuhlmusik aus den Lautsprechern, als wäre das Ziel, die Anwesenden langsam weich im Geiste werden zu lassen. Und zumindest partiell geht der Plan wohl auf. Auch: Private Telefonate, viel zu laut im öffentlichen Raum. Und zum Glück kein Bild vom anderen Ende der Verbindung, vor dem man Respekt haben müsste trotz allem. Brüllende Tageszeitung, bunte Werbepresse, eine Diskussion im Kassenbereich über Zigaretten und Alter. Nervöses Augenzucken. Nicht immer ist die eigene Contenance gleich gut belastbar. Und der Abend zögert noch.
(Der Supermarkt des geringsten Misstrauens erlebt Arbeitsverweigerung der Selbstzahlerkassen in zweiter Woche. Der Form der großen schwarzen Buchstaben, die die Worte DEFEKT! quer über die Bildschirme schreiben, haftet spürbarer Frust an, die Blicke der Kassenbedienstenden rangieren eher zwischen entschuldigend und resigniert. Mittlerweile hat das Personal die unwilligen Automaten versteckt hinter einem Regal mit hochprozentigen Mixgetränken und einem übermannshohen Aufsteller, der seltsame Prämien für die Offenlegung eigener Konsumgewohnheiten verspricht. Und vielleicht ist alles nur eine Frage der Reihenfolge.)
Zwischen den Wettern, Schichtwechsel im Supermarkt des geringsten Misstrauens. Die Selbstzahlerkassen haben sich verabschiedet, wieder, und vermutlich wieder ein Softwarefehler. Kann man nichts machen. Personaleinkauf, mit Mobilgerät und Rabattkarte. Samstag als Realität, Montag schon als Ahnung, aber die Gespräche sind noch entspannt. Irgendwo weit hinten in der Schlange regt sich zornige Eile, aber die Eiligen sind meist die Unangenehmen, und die Belegschaft hat längst gelernt, wen man wann ignorieren sollte. Schneesturm als Aprillaune vor automatischen Türen. Ein verschneiter Porsche, Familienausführung. Eine überquellende Mülltonne. Und Tropfenwellen auf großen Pfützen. Fast schon Sonne, verschämt und still ganz an den Ecken des Augenblicks.
Etwas später, Außenwelt. Sichelmond über Flachbauten und ihre Anmut verzaubert. Erstaunt, wie sehr sich Rituale des vergangenen Jahres manifestiert haben. Der Abend ist trocken, klar, kalt. Letzte Brigade Weihnachtsmänner, preisgesenkt, und gestörte Elektrik im Supermarkt des geringsten Misstrauens. Eine junge Frau mit abwesendem Blick soll den Kunden die Vorzüge von Rabattkarten verkaufen, Enthusiasmus und Erfolg halten sich in Grenzen. Auch: Zu aufdringliche Telefonate. Boulevardpresse, Schlagzeilenpuls. Aber zumindest die Musik schweigt. Betonstille, Neon-Aura.

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