Wieder früh im Tag. Erste Ahnung von Dämmerung am Horizont dort, wo die östlichen Bergkuppen die dünnen Wolken berührt. Ein Tier ruft krächzend und laut in die unaufhaltsam weichende Nacht, die wenigen Häuser in Sichtweite erwachen heute früher als sonst. Erste versuchsweise Bewegungen am offenen Fenster, die zurückliegenden Strecken noch etwas spürend. Dann: Tisch decken, Kaffee kochen, Brötchen wärmen. Immer noch das weite Panorama mit dem schmalen Mond im Rücken, und immer wieder verblüffend, wie schnell sich Gewohntheit an Bilder und Orte einstellt. Als wäre man nie anderswo gewesen. Kommt gut in den Morgen!

Früher Morgen und Mond über dem See. Frühe Gedankenleere, respektvoller Blick in den noch dunklen Berg: Linien auf Karten vor dem inneren Auge, Wege, Höhen, Kanten. Einige wenige Punkte zum Verweilen, inmitten von Wald, Fels, Geröll. Und darüber der Raum zwischen den verschiedenen Spitzen, eine ehrfurchtgebietende Kathedrale unter dem Dach offenen Himmels. (Weg als Ziel, Erwartungen und Vorfreude. Ein erster Kaffee, und Frühstück, bevor man den Rhythmus der Schritte findet. Kommt gut in den Tag!)

Freitag. Schon wieder schlaflos über den Straßen des Viertels. Im Zwielicht früher Augenblicke, vor allem und allen anderen: Erster Kaffee. Kalenderbereinigung. Lückenbefüllung, der Versuch, Gleiches zu Gleichem zu bringen, um die mentalen Umschaltzeiten zu verringern. Hinter der Wand knirschen Dielenbretter, der Nachbar hustet, irgendwo rauscht Wasser. Eine Radiostimme murmelt vor sich hin, laut genug, wahrgenommen zu werden, leise genug, um Worte oder Themen aus dem Strom picken zu können. Leer noch der Bus, der über die Kreuzung hin zur Haltestelle rollt. Das Beruhigende vertrauter Bilder und Töne, während das Selbst sich noch entknotet und langsam in den Morgen findet. Habt es mild heute!

Wieder unter dem Himmel. Mittwochsmontag, Montagsmittwoch, Luther und die Laternen erwachender Stadt. Es sind immer diesselben Umrisse, die im frühen Halbdunkel, Halblicht warten, dass der Morgen anbricht. Es sind immer diesselben tschechischen Kennzeichen an den Fahrzeugen der Dienstleister, die die Straßen und Plätze säumen weit vor den Fahrrädern und Rollern der Bürowesen und Kopfarbeiter dieser Viertel. Es ist immer dasselbe Geräusch, dasselbe Gefühl, wenn die dünnen Räder über wechselnden Untergrund rollen, Laub meiden, die Reste nächtlichen Regens aufwirbeln. Es ist zu kalt zu warm zu windig zu sehr Herbst für richtige Kleidung, will man nicht schwitzen oder frieren. (An der Abfahrt in die Tiefe raucht der Hausmeister hinter den Mülltonnen, freundlich jeden Gruß erwidernd. Oben flackern Neonröhren hinter den ersten Fenstern. Schwung holen, Anlauf nehmen, Gedanken sortieren. Der Tag findet sich. Kommt gut in das, was von der Woche bleibt!)

Blass ist der neue Morgen, blass der Asphalt, der Himmel, blass die Gesichter der meisten Passanten, die an den Haltestellen und Kreuzungen auf ihre nächsten Schritte warten. Entlang von Wegen, die man schon mechanisch abfährt, begegnet man immer denselben Menschen, und misst die Uhrzeit grob daran, an welcher Stelle man einander genau kreuzt. Weiter stadtauswärts ringen Pendler und Handwerker um die wenigen Parkplätze, die Dienstälteren stehen schon direkt vor dem Haus und frühstücken im Transporter, während Kirchglocken zu läuten beginnen und der Horizont langsam Farbe gewinnt. Pendeltüre, Büroküche, Kaffeemaschine. Noch etwas Abstand von Allem, ohne Blick auf den Kalender oder das Postfach. Noch etwas Abstand, so lang die Flure noch schlafen. Habt es mild heute!