Der Abend begann. Auch Tage im anderen Takt verfliegen schließlich in gedankenloser Müdigkeit. Aus der Nachbarwohnung tönen immer noch oder schon wieder Geräusche durch Wand und Stille, bleiben schwer zu deuten. Der eigene vorbelastete Geist zieht seine Schlüsse und füllt Informationslücken, ab einem gewissen Punkt konzentriert man sich auf die dunkle Welt außerhalb der eigenen Fassade und erkennt nur Momente später die Mehrdeutigkeit solcher Betrachtungen. Vor der neuen Kneipe parken Autos in zweiter Reihe, Musik dröhnt aus der offenen Tür, Spotlights und Disco-Kugeln blinken. Keine bekannten Gesichter, keine vertrauten Stimmen. (Auch: Nicht der Versuchung widerstehen können, an losen Enden zu rühren. Die Grenze zwischen Heimbüro und Heim ist immer fließend. Und die Träume sind geduldig.)

Gewohnheiten am Rande der Woche: Antworten auf Nachrichten, die eigentlich erst morgen und eigentlich auch irgendwie schon vorgestern relevant sind ... waren. Im Heimbüro ist es kalt, die Grenzen zwischen Lebensaspekten gestalten sich sehr durchlässig dann und wann. Lichter und Sterne jenseits der Kreuzung werfen schockbuntes Licht in die Nacht, irgendwo klingt wieder Musik, diesmal vertraut und warm, aber der genaue Ursprung bleibt im Unbekannten, und das Gehirn mag keinen Titel, keinen Künstler zu den Tönen ordnen. (Vielleicht darf das um diese Stunde auch so sein, so lange die Klänge nur irgendwie berühren. Es gibt wohl unschönere Reaktionen als diese. )

Wieder sehr weit durch den Abend, langsames Anhalten zu gewohnter Stunde an gewohntem Ort. Unten gab es kurz und hart Streit, sind die Erwachsenen heftig zusammengestoßen, haben die Kinder nur schwer Ruhe gefunden danach. Jetzt sind Musik und Stimmen verklungen, und in Haus und Viertel breitet sich Schlaf aus. An der großen Terrasse blinkt und klappert die Lichterkette vor dem eisernen Geländer, aber Fenster, Türen sind geschlossen. Die Kneipe hat geschlossen, einige wenige Dienstagnachtschwärmer lärmen noch auf dem Gehweg, aber die lauten Töne, die großen Worte klingen kraftlos und müde. Jemand kichert, viel zu albern inmitten der ganzen späten Ernsthaftigkeit. Eine Flasche zerbricht. Vorhänge werden geschlossen. Zeit, den bewussten Tag zu schließen, und mit seinen Geschichten sich selbst zu überlassen.

Schließlich, wieder: Dunkelheit vor den Fenstern, Zwielicht im Heimbüro, der Inbegriff von Spätseptemberluft zwischen den kühler werdenden Wänden. Noch hallen offene Themen nach, geistige Affen springen durch lose Enden und verknoten, was nicht zusammengehört. Verbindungen, in denen man sich verheddert, aus denen man sich befreit, die man ablegt und zurücklässt für den Augenblick, um in noch rauheren Geschichten hängenzubleiben. (Nicht immer findet man die richtigen Worte und nicht immer sind sie einfach.) Zur Unzeit scheint eine Straßenkehrmaschine durch das Viertel zu rollen; nebenan verabschieden sich die Gäste, wird das Wohnzimmer dunkler, die Musik leiser. Fahler Schein über allem. Halb Mondnacht, halb Traum. 

Und dann verfliegen die Bilder des Sonntags mit der Abendluft. Über der Stadt haben die dünnen Wolken längst einen tiefen weichen Himmel freigegeben, auf dem alte und neue Sterne Konstellationen, Muster formen, zu denen Augen und Seele noch keine Namen haben. Von hinter den Häusern treibt harter Techno-Bass durch das Viertel, lauter und näher immer dann, wenn es dem Wind beliebt. Gegenüber belädt der Montagspendler den Kombi. Zwei Jugendliche sitzen vor der Bushaltestelle auf dem Bürgersteig und trinken in kühler Nacht. Noch nicht jeder hat seinen Traum für heute gefunden, nicht jeder hält ihn fest.

Heimwärts. Sich langsam von der Woche trennen, ohne wirklich loslassen zu können. Heiß war der Tag, mild bleibt der Abend, über allem steht die Wärme eines verklingenden Sommers, der Duft eines nahenden Herbsts. Im Viertel sammeln sich die jungen Teenager unter den Lampen auf den Betonplätzen vor den Supermärkten, geschart um bunt blinkende Lautsprecher und heimlich kichernd in den Stunden, die eher später Abend als frühe Nacht sind. Der Wagen eines späten Paketboten parkt am Straßenrand, der junge Mann sitzt mit einem Döner in der offenen Tür, wirkt hungrig, müde. Laute Bässe aus der Kneipe, das blaue Licht wirkt kühler als sonst und in der Laufschrift fehlen einige Buchstaben. Alles fühlt sich irgendwie müde an.