Weiterhin, schon wieder mitten in der Nacht. Mentale Tageskurve noch nicht an die neue Zeit gewöhnt, und gleichzeitig schwer darauf eingestellt, den dunklen Stunden außerhalb des Schlafes zu begegnen. Dem Wasserkocher lauschen, in seinem Grummeln. Heizung bleibt still und kühl, in den Höfen quietschen eine Haustür und ein Fahrrad. Lichterketten auf den Terrassen und ein Weihnachtsstern, der seit Dezember seine Wärme in die Finsternis entlässt und den man manchmal mehr wahrnimmt, insbesondere früh im Morgen. Gedichte schreiben, für neue und alte Wege, stümperhaft und uneben, aber immerhin passend zur Schwingung des Augenblickes. Habt es mild heute!
Traumschwerer Bildlosigkeit folgt tagschwere Wortlosigkeit. Man entflieht dem Bett mit den ersten Radiostimmen, findet seine Route durch noch schlafdunkle Räume ohne große Aufmerksamkeit, versucht sich die Nacht aus dem Gesicht zu waschen, kratzt über die Haut, spürt die eigenen rauhen Hände und die körperlichen Umrisse und das Außerhalb und Innerhalb und wird langsam wieder der, der man wohl gerade sein soll. Und dann bleiben einige Pötte Kaffee und einige Meter neben sich und den Pfaden, um herauszufinden, immer aufs Neue, wer genau das ist. Routinen für erwachende Städte, für erwachende Städter. Und vermutlich nicht nur die. Habt es mild heute.
Nach der Nacht. Oder nach dem, was Nacht hätte sein können, wenn die Zeit freundlicher damit umgegangen wäre. Verschlafene Leere verschlafene Stille und die Klänge der eigenen Küchengeräte, erschreckend laut und trotzdem irgendwie fern. Frühstück in Minimalprogramm, über den Höfen singen die Vögel. Selbst fehlen noch jegliche Lieder, aber vielleicht finden sich zumindest Melodien entlang der Schritte über eigene und andere Straßen. Noch nicht ganz aufgebrochen, noch nicht ganz da. Habt es mild heute.
Die Nacht gehörte den Kreaturen der Hinterhöfe, die ihren Weg durch Schlaf und Träume fanden, Ruhe vor sich her trieben, Bilder malten und Worte schrieben, die vergessen gingen, aber trotzdem nachhallen. Vorsichtiger Blickkontakt mit dem Selbst, die Rasur am Wochenende vergessen, sich trotzdem noch irgendwie erkennen. Gespräche über das Gestern und Heute, so nah am ersten Kaffee. Noch viel zu früh, um über Form auch nur nachzudenken. Habt es mild heute!
(Das Bett verlassen, Räume durchstreifen, desorientiert. Die Seele irrt noch halb durch den Schlaf, eine Balkontür öffnet, Tassen klappern. Andere Nachbarn haben eine andere anstrengende Radiostation entdeckt, die Katze einen anderen unangemessenen Platz, die Nacht zu verbringen. Gähnen und Seufzen in einem. Es braucht Kaffee, Obst und die Leere der frühen Stunde, um in den Tag zu finden, ihm die richtige Tiefe zu geben. Habt es mild heute.)