Abstieg, früher als sonst. Brotzeit mit Pflaumenkuchen und hellem Bier, ein greller Nachmittag schwitzt und klebt auf der Haut, wenn man unvorsichtig in der Sonne bleibt. Etwas weiter tropft Salzwasser über trockenes Reisig, die Luft fühlt sich feucht und weich an, Schatten und Windhauch kühlen die Gedanken. (Telefonate mit dem Rest der Welt, kurz dringt Alltag in diese Stunden, stört die Ruhe in der Abgeschiedenheit des anderen Ortes. Glücklicherweise nicht für lang.)

Immer führt irgendwo ein Steig in einen Berg. Das Moos am Rand ist weich und trocken und voller Sommer. Weiße Steine, weißer Staub unter den Füßen. Ab einem Punkt, ab einer Höhe scheint man dann immer allein mit sich, den eigenen Schritten, dem Atem, dem Puls. Äste knacken. Vögel kreisen. Gipfelkreuze, vom Wind zerrissene Fahnen, die Stille weit über Allem erfüllt die Seele. Und man lernt etwas mehr über sich, auch in diesem Aufstieg. 

Später. Graue Wolken, graue Berge, noch fehlt das Kunstlicht der Straßen. So bleibt der warme Schein hinter den kleinen Kirchfenstern, das vielfache rote Flackern entlang der niedrigen weißen Mauern davor der einzige sichtbare Bruch im unentschlossenen Regen. Der kalte klare Fluss rauscht und gurgelt unter der Brücke, irgendwo brennt ein Holzofen, und für Augenblicke scheint die Zeit mehr als sonst abhanden gekommen. 

(Das Tal liegt heute unter warmem Föhn. Viel mehr als gestern treiben bunte Blätter über die Wege, und manchmal scheint es, als wäre der Herbst mitgekommen, eingeschleppt in eine enge Ecke Welt, die dies Jahr noch nicht willens und bereit dafür ist. Mitte Oktober, diesmal ohne Frost. Wenn man im Abstand von Jahren hier verweilt, begleitet einen alles, was die Zeit seitdem füllte. Und so bekommt jede Stunde hier ihre eigene Farbe, während sich die Seele an irgendwelchen einzelnen Bildern festhält, ohne das passende Gefühl wiederzufinden.)

Irgendwie haben Generationen der Natur temporäre Pfade abgerungen, die Schleife um Schleife an Höhe gewinnen, dabei immer schmaler und unsicherer werden. Oben zieht man sich hinter die Almhütte zurück, dort, wo die Wetter frecher und ungestümer über die kahlen Steine, das struppige Gehölz schleifen. Letzte Blüten des fliehenden Sommers. Die Kühe sind wieder im Tal, verschlossen die Türen, kein Rauch über dem Kamin. Der See ruht fern und klein weit unten, Häuser und Straßen daneben verborgen in trüber Tiefe. Hier oben ist man nur geduldet. Bestenfalls. Hier oben verfällt jede Idee eigener Größe, verliert sich viel Wichtiges in demütigem Schweigen.