Zwischen den Häusern, zwischen den Stunden. Es regnet. Gelegentlich fühlen sich die Schritte weich und leise an, dann findet man letzte dunkelbraune Haufen nassen Laubs, wieder freigelegt vom geschmolzenen Schnee. Im Supermarkt des geringsten Misstrauens wird im Kassenbereich gebaut, nur ein Band ist frei, die Schlange lang wie selten, und es zeigt sich: Rücksichtslose Arroganz kennt kein Alter, kein Geschlecht, keine soziale Gruppen. Der junge Kassierer reagiert zunehmend genervt auf jede Frage, warum denn alles so lang dauert. Weiter hinten wird über die Raucher und Trinker geschimpft, weil im Gang Wägen mit Zigaretten und Fusel stehen und irgendwer wohl dort die Ursache des Wartens ausgemacht hat. (Und ja, dort, wo ehedem Süßigkeiten Kinder am Ausgang fangen sollten, werden die Warenträger größer, die Flaschen kleiner, die Getränke hochprozentiger, vis-a-vis der Auslagen mit Boulevard-Magazinen und Tagespresse. Vielleicht gibt es ja verborgene Zusammenhänge.)

Und wieder zwei Fuß breit in der Nacht. Entlang des Weges sind die Heizkörper ausgekühlt, flieht mit dem Licht auch die Wärme aus den Stunden. Maschinen zittern nochmal unter Last, rechnen einige kleine Fragmente, bevor technischer, traumloser Schlaf anbefohlen wird. Dann: Begonnenes ablegen, so gut es geht, hoffend, dass bis zum Morgen die instabile Ordnung bestehen bleibt, die ersten Griffe die richtigen Dinge richtig zu fassen bekommen, ohne dass man allzu weit zurückgeworfen wird. (Und dann Lesen in und zwischen den Zeilen, der Geschichte folgen, bis Augen und Bewusstsein sich in ungeschriebenen Worten verheddern und die Abwege immer schwerer zu korrigieren sind. Lernen, wann es Zeit ist, dem Tag seine Ruhe zu geben.)

(Deutlich später: Die Umwelt klingt merkwürdig an diesem Abend. Es dauert einen Moment, bis sich die Idee einstellt, die Kopfhörer abzunehmen, deren Sprache und Musik längst verklungen sind. Merkwürdige Routine, merkwürdige Unbewusstheit. In den Stunden seit der Dämmerung holten die Nachbarn einige Lichter mehr in ihre Küchen und Wohnzimmer, hängte Sterne unter Decken und stapelten Schächtelchen auf die Fensterbretter. Aber plötzlich haben alle wieder von ihrem Treiben abgelassen, plötzlich liegen die Fassaden wieder dunkel und fast konturlos vor dem Restschimmer anderer Viertel. Hinter der Wand diskutieren die jungen Nachbarn Möbelaufbau und Lüftungsverhalten, man lotet die verbalen Möglichkeiten aus und irgendwann reißt die Konversation ab im Schlagen einer Tür, auf dass der Boden erzittert. Oder: Von der Kunst, trotzdem Ruhe zu finden.)

Sehr viel später: Auch die eigenen Zimmer finden wieder zum Licht jener Wochen. In manchem Alten, verpackt in Kisten und Holzwolle, lebt mehr Vergangenheit, mehr Jugend und Kindheit mit, als man sich mitunter eingestehen möchte. Wieder Gedanken an viel neuen Schnee, aber bislang ist die Nacht so wolkenlos und kalt wie der Morgen davor, auf den Fenstern überfrieren die Reste des gestrigen Eises, reflektieren die eigenen Farben, brechen jene, die auf den Balkonen und über den Höfen leuchten. (Noch immer Post. Noch immer einige Probleme ohne Ideen, einige Ideen ohne Probleme. Illusionen von Zeitersparnis und Effektivität. Irgendwann wird das Gleichzeitige zum Dauerzustand, aus dem man sich selbst des Abends schlecht lösen kann. Die Dämmerungen lächeln milde über Vorstellungen von Dingen ohne Reihenfolge: Traumbilder im wachen Alltag.)