Dann: Augenblicke verlieren Augenblicke gewinnen innehaltend neben der Route, den Grünspecht zu beobachten. Immer wieder ein wenig fröstelnd unter mehr Jacke, als man dem Monat eigentlich zugestehen möchte. Immer wieder mit sich darüber verhandelnd, ab wann all das Offene und Liegengelassene von vor den Dämmerungen wieder seine Wichtigkeit bekommen darf. (Treppenhauskontakte, kurz vor der Büroküche. Die übersehenen Schatten des frühen Morgens tragen, rollen, schleppen Reinigungsgeräte und Mülltüten aus dem Fahrstuhl. Hohe Taktung, harte Effizienz, und schon schließen, öffnen die Türen wieder in den eigenen Mittwoch, in langsam erwachenden Fluren. Habt es mild heute!)

Unterwegs. Später als üblich, in unschlüssiger Kälte. Ein zorniger Sturm treibt Papiertüten, Flyer, alte Zeitschriften über den Beton, wirft Sand und Dreck in die Augen, beugt die Bahngräser und zaust erste Blätter aus ächzenden Bäumen. Kaum Menschen auf den alten Plätzen, nur in einer Seitengasse laden Handwerker Säcke und Werkzeuge in einen rostigen, farbverspritzten Aufzug. Weiterziehen, Abstand halten, unter Fetzen von Himmel mit einem merkwürdigen Gefühl im Innersten. (Büroflure. Tagesplan als Kästchenmuster, ohne Numerierung. Stickige Hitze über den Maschinen. Und ein weiterer Kaffee. Für die Form und das Ritual. Habt es mild heute!)

Blue morning sky above sunrise. Flat clouds on the lower frame border, thin feather clouds in the upper half.

Morning. Edge of sunrise. The vast sky. The temporary feeling of serenity. Staying quiet as if any word would pollute the moment with unnecessary meaning. // 366skies 

Viel zu früh: Dorfmorgen, Hügelmorgen. Immer noch ausgekühlte Wände, kühle Decken, kühle Kissen. Kalte Steine unter nackten Füßen, auf dem Weg nach unten. Und vor den kleinen Fenstern das neue Licht eines Tages, der sich noch nicht so recht für eine Stimmung entschieden hat. Sinnieren über Ortsabhängigkeit der frühen Rituale. Über Nähe und Ferne, auch im räumlichen Verständnis. (Die Gedanken weichen mit dem kalten Wasser. So früh, und vor dem ersten Kaffee, ist das Fazit jeglicher Überlegung eh höchst fragwürdig. Habt es mild heute!)

05:55, wie so oft: Wortlos schweigende Leere vor dem hektischen Rauschen. Krümelkaffee im Heimbüro, auf der Seite der Wohnung, an der sich die Nacht noch hartnäckig festhält. Draußen frühe Sonne auf den Blättern, mattblauer Himmel, ein schwer zu fassendes, aber durchdringend schönes Gefühl von Wärme. Schatten von Schwalben gleiten über Fassaden und Dächer. Ein Bus fährt an der leeren Haltestelle vorbei, gegenüber streift Morgenluft über eine helle Gardine. Kurze Störbilder, bis sich die Gerätschaften wieder richtig gefunden haben. Gedanklich eine neue Seite aufklappen, glatt streichen, und hoffen, dass der Bleistift spitz genug bleibt für die nächsten Stunden. Habt es mild heute!

(Irgendwann prasselten wieder Tropfen über Schiefer, Fenster, Blätter, zerbrachen den Schlaf, ließen erschrockene und tiefgehende Unruhe zurück, die lang nicht weichen wollte. Irgendwann traten die Vögel ihren frühen Dienst an, sangen und schrien erste Nachrichten quer über die Höfe, danach kurz innehaltend, wartend auf Antwort und Bestätigung, leiser und fast im gleichen Ton. Und schließlich rangieren Transporter zwischen Straße und Supermarkt, laut piepend, wieder und wieder. Die heutigen Fahrer scheinen mit der Enge des zugeparkten Viertels mehr Probleme zu haben als an anderen Tagen. Entlang all dessen: Versuchen, in eine eigene Form finden, für diesen Morgen. Jede Menge kleine offene Punkte auf verschiedenen Listen überfliegen und verschieben. Heißes Wasser auf das Kaffeepulver gießen. Post von letzter Nacht löschen, bis das Bewusstsein wieder klarer, der Rhythmus drängender wird. Rad, Tasche, Aufbruch mit dunstiger Sonne im Rücken. Habt es mild heute!)

Momentaufnahmen nach den Träumen: Morgenlicht über Dächern und Bäumen. Auf dem Geschenkestapel zwischen den Häusern hat jemand eine Tasse freigesetzt, noch originalverpackt, weiß, mit roten Herzen. "Für Dich", die vielen möglichen Geschichten fliehen mit dem Wind. Einige Straßen weiter hat der mentale Algorithmus wieder zufällig die heutige Route gewählt; beeindruckend, wie leer die Stadt sein kann, und wie sehr das Zeitgefühl in dieser Leere schwankt. Zwischen Bahnsteig und Bordstein wuchert bunt durchsetztes Grün, einzelne Blütenblätter wehen auf die Steine, einzelne Ameisen finden zurück nach Hause. (Beeindruckend und verstörend, wie sehr der Blick in den Himmel die Fähigkeit beeinflusst, andere Details intensiv zu fassen zu bekommen. Noch weiter: Stickige Büroluft, Kaffee, kaltes Wasser in das von der Fahrt staubige, immer noch müde Gesicht. Noch genügend Stille. Noch ausreichend früh, sich knackend zu entfalten. Habt es mild heute!)

Der Morgen, heute, ist diese eine Uhr, die sich dem Wechsel zur Sommerzeit immer noch entzogen hat, über die man für Aufmerksamkeit zu selten stolpert und die das Gefühl verstärkt, sich viel zu früh vom Schlaf gelöst zu haben, wie dünn auch immer er blieb. Rissige Wolken von hier bis zum Hügelhorizont, in der Straße rollen Mülltonnen, das Baby nebenan ist gerade erwacht und quiekt begeistert, problemlos die müden Stimmen übertönend, die ihm ruhig zuzusprechen versuchen. Vielleicht ist es die Einstellung zum Tag, die den Unterschied macht. (Immer noch knapp vor dem ersten Kaffee, unsortiert und ungekämmt und in der Hoffnung, dass sich zumindest einer dieser Zustände bessert. Habt es mild heute!)